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Senf ab: The Walking Dead – 400 Days

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Es war letztes Jahr ja kaum zu übersehen, wie sehr wir “The Walking Dead” abgefeiert haben, unter anderem mit vielen Videos und sogar einem eigenen, zweiteiligen Plauschangriff. Dementsprechend gespannt waren wir auf die Download-Erweiterung “400 Days”, die todesmutig in die Lücke zwischen der ersten “Staffel” des Hauptspiels und der für den Herbst angekündigten Fortsetzung springt.

Warum ich trotz aller Liebe ein bisschen skeptisch war? Weil “400 Days” gleich fünf kleine Häppchen in eine einzelne Episode quetscht, jede mit neuen Figuren, die man noch nicht aus dem Hauptspiel kennt. Tatsächlich ist das Ganze noch kürzer als wir angenommen hatten. Nach anderthalb, zwei Stunden ist man durch, so dass wir uns die obligatorische “Stunde mit” gleich gespart haben, denn da hätten wir euch schon einen Großteil des Spiels gezeigt und gespoilert, was wir bei der Rubrik nicht optimal finden.

Launch-Trailer: The Walking Dead – 400 Days

Zurück zum Spiel: Wie sollen denn in so kurzer Zeit Gefühle, Bindungen und Abneigungen entstehen? Wie soll ich moralische Entscheidungen für oder gegen digitale Menschen treffen, die ich noch gar nicht einschätzen kann? Die erste Staffel lebte zu großen Teilen davon, dass einem Lee, Clementine und Co. zu Verbündeten, zu Freunden wurden. Oder im Fall von Kenny zu Feinden, aber das mag meine persönliche Erfahrung gewesen sein. Sie krochen unter die Haut des Spielers und nisteten sich ein. Was sie dort dann an Emotionen erzeugten, ist für ein Videospiel ziemlich sensationell und selten.

Nun treffe ich in kürzester Zeit also auf Vince, Wyatt, Russell, Bonnie und Shel. Alles ganz unterschiedliche Menschen, die alle auf ganz unterschiedliche Art und Weise in der Zombie-Apokalypse überleben wollen. Zeitsprünge innerhalb der 400 Tage nach dem “Tag X” verdeutlichen den rasenden Verfall der Zivilisation. Den brachialen Sturm, der über alte Strukturen hinwegfegt und die verbleibenden Bruchstücke ziellos durch die Welt wirbelt. Im Fall von “400 Days” treiben die fünf genannten Überlebenden allesamt an einem Diner vorbei, wo sie persönliche Botschaften an einer Pinnwand hinterlassen. Das ist nicht nur ein verbindendes, inhaltliches Element, ihr wählt hier auch die zu spielende Episode aus, die Reihenfolge ist nicht fest definiert.

Die großartige Leistung aller Episoden: Telltale füllt die Charaktere so effektiv mit Seele und Leben, dass ihr ganz schnell wieder emotional dabei seid. Zu verdanken ist das großartig geschriebenen und gesprochenen Dialogen, die auf clevere Weise auch Vorgeschichten transportieren, wenn zum Beispiel Bonnie als “Junkie” beschimpft wird. Im krassen Gegensatz dazu stehen die furchtbaren deutschen Untertitel. Da sind nicht ein, zwei Tippfehler drin, da sind ganze Sätze komplett vermurkst, was oft schlicht stört. Tut euch einen Gefallen und nutzt die englischen Untertitel, die kruden deutschen Texte können manchmal sogar bei den moralischen Entscheidungen verwirren, die unter Zeitdruck getroffen werden müssen.

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Unter diesen Entscheidungen sind erneut angenehm unangenehme Nervenkitzler, die typische Fragen des Zombie-Genres stellen: Welchen Stellenwert hat das Weiterleben eines Einzelnen, wenn dies die Sicherheit einer Gruppe gefährden könnte? Wie und in welcher Form müssen Menschen sich vor anderen und vor sich selbst noch verantworten? Telltale bohrt den Finger einmal mehr ganz tief in die Wunden einer kaputten Welt.

Tatsächlich spielt das “Abwägen, Hadern und doch eine Wahl treffen müssen” eine noch größere Rolle. Bei Telltale scheint man nun voll und ganz auf die eigenen erzählerischen Stärken zu vertrauen und hat klassische Adventure-Elemente wie Rätsel noch weiter zurückgefahren – mit Erfolg. Das Add-on nutzt seine kurze Zeit perfekt aus, denn es spart sich Exposition und spielerische Hürden, wirft euch direkt hinein und reißt euch mit. Ihr werdet euch in die neue Bande vielleicht nicht ganz so sehr verlieben wie in Lee und Clem, für einen stürmischen One-Night-Stand ist sie aber prima. Bis auf Russell natürlich, denn der ist eventuell noch minderjährig.

Falls ihr übrigens euren Spielstand von “The Walking Dead” nicht mehr haben solltet, müsst ihr euch nicht ärgern: Ohne im Detail spoilern zu wollen, sind die Einflüsse eurer Entscheidungen auf “400 Days” marginal. Spannender ist da schon die Frage, wie sich das Ende von “400 Days” auf Staffel zwei auswirken wird, denn in den letzten Minuten kann es je nach euren getroffenen Entscheidungen tatsächlich erhebliche Unterschiede geben. So oder so: “400 Days” ist ein Muss für jeden Fan, interessanterweise aber auch für Neueinsteiger spiel- und nachvollziehbar. Wobei wir euch das aber nicht wirklich empfehlen möchten.

“The Walking Dead: 400 Days” ist umsonst erhältlich, wenn ihr euch das Hauptspiel im offiziellen Store von Telltale gekauft habt. Ansonsten kostet es etwa fünf Euro und erscheint – beziehungsweise ist schon erschienen – für PC, Mac, Xbox 360, PS3, PS Vita und iOS.

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